Züri, wie gheimnisvoll und schön bisch du!“

Überraschungsstamm „Alte Garde“ des SFwV, Sektion Zürich, vom 19. September 2000.

 

Etwa 35 Teilnehmer (Kameradinnen, Kameraden und Gäste) bewegten sich unkonventionell durch Teile der Altstadt Zürichs - und kein Gegenkommando konnte sie daran hindern! Erstes Geheimnis:

Der Verantwortliche der heutigen „Verschiebungsübung“ stellte sich denn auch nicht als "Kommandant“ sondern als Bärenführer vor... Eine unverdächtige Irreführung allfälliger Ruhestörer. Der Verschiebungsplan zeichnete sich offensichtlich durch einen strategischen Charakter aus. In der Rückblende betrachtet, bestätigte sich dann diese frühabendliche Vermutung: Alle gesetzten Teilziele wurden mit Auszeichnung erreicht!

Geheimnis zwei: „Wo ist Wollishofen“, genauer, „das Stammlokal der Alten Garde?“ In dieser Phase ordnete der Verschiebungsplan den individuellen Anmarsch (oder Fahrt) noch nicht. Aber gelernt ist gelernt: Durchfragen bis zum Organisationsplatz gelang schliesslich mindestens zwei unserer irritierten ortsfremden Kameraden!

Dann: Verschiebung via Kuttel- und Fortunagasse auf den Lindenhof; ein Ort mit Vergangenheit. Gottfried Saugy, eben der Bärenführer, eröffnete hier den interessierten und neugierigen Teilnehmern Geheimnis drei. Frau Isabella Guidi wird durch die Gegend des Lindenhofes und seiner Umgebung führen. Sie, die ehedem von der Arbeitslosigkeit Gebeutelte, machte aus ihrem Hobby ihre heutige berufliche Leidenschaft: Geschichtliche Führungen durch die Stadt Zürich, angefangen bei den alten Römern bis hin zur Gegenwart.

Vorerst jedoch entführte sie die Wissbegierigen in die Zeit, wo der Uetliberg nur knapp über den ihn umfassenden Gletscher hinausragte.
Einige hunderttausend Jahre sind seither vergangen...
Unmittelbar vor Christi Geburt gesellten sich zu den wenigen Kelten, die schon an der jungen Limmat hausten, die hergezogenen Römer. Der heute so genannte Rennweg wurde schon damals als Verbindungsweg benützt. Also: Der Rennweg, eine alte Römerstrasse... Etwa 300 Jahre n. Chr. wanderten römische Legionäre aus dem Wallis über das Glarnerland nach Zürich ein. Mit ihnen kamen auch Felix und Regula, die beiden Stadtheiligen. Der damalige städtische Statthalter war erklärter Antichrist. Da Felix und Regula Christen bleiben wollten, ereilte sie das Schicksal der Enthauptung durch die Römer selbst. Die Legende weiss zu berichten, dass die beiden Enthaupteten mit ihren Köpfen, die sie zum Denken gebraucht haben sollen, unter dem Arm auf den Lindenhof wandelten und dort ihre erste Ruhestätte fanden. Frau Guidi:

‚Jede Legende beinhaltet einen Kern Wahrheit.“ Schon bald kamen Pilger hierher, um sie zu verehren. Später ruhten ihre Reliquien vorerst im Gross-, dann im Fraumünster. Auf dem Lindenhof bauten die Römer sodann ein Kastell, was ihren Ruf als gute Städtebauer festigte. Daselbst richteten sie eine Zollstätte ein, denn der Schiffumladeplatz befand sich nahe dem heutigen Weinplatz, gegenüber dem aktuellen Rathaus. Geheimnis vier: Wer wusste schon davon, dass zur Römerzeit, um Zürich herum Bären lebten? Bärenfänger sorgten dafür, dass „die Spiele in Rom“ mit eben diesen Tieren vonstatten gehen konnten... Im Jahr 1245 wurde die Stadt direkt dem deutschen Kaiser unterstellt. Zu dieser Zeit soll der Lindenhof mit einem Bauverbot belegt worden sein.

Ein kurzer Blick und offene Ohren für das Heute:
Wie sehr sich doch die Zeit gegenüber damals gewandelt hat! Verkehrsgeräusche vom nahen Limmatquai, dann ein Helikopterüberflug, Grossschach spielende Männer im Freien, dann und wann war ein „Handywandler“ auszumachen, und unübersehbar, sommerlich gekleidete Frauen beim Flanieren mit oder ohne Begleiter... Ein sommerlich warmer Abend erlaubte, all die Wahrnehmungen ohne Stress zu geniessen...

Weiter ging’s zur Grabplatte (Kopie) an der Pfalzgasse, deren Original 1774 gefunden wurde. In lateinischer Sprache wird an einen vom römischen Kaiser freigelassenen und im Alter von 1 Jahr und 5 Monaten verstorbenen Knaben erinnert.

Drüben die Turmuhr von St. Peter (älteste Kirche Zürichs, die noch bis 1912 Turmwächter kannte) mit Geheimnis fünf: „Wie lange ist die zurückzulegende Wegstrecke des grossen Zeigers pro Minute?“ ...sagenhafte 45.5 cm! Und pro Stunde? Rechne!

Unten am Weinplatz/Thermengasse war damals das römische Bad mit Bodenheizung angelegt. Der gesellschaftliche Treffpunkt für Geschäftsvereinbarungen, Dispute und Unterhaltung... Eine Schwatzbude? Der heutige Weinplatz, eine Perle des jüngeren Zürich! Ein lohnendes Ziel, sich selbst einmal näher umzuschauen! Fünf- bis sechsstöckige gepflegte Häuser säumen den von Menschen belebten Platz. Sie tragen geschichtsträchtige Namen, wie „Storchen“ (Hotel und Zunfthaus), „Zum Ziegel“, „Haus zum Schwert“, „Zum Gewölbe“, „Zum kleinen Christoffel“. Die Strehlgasse sodann saugte die Flanierenden auf und führte sie hinein in die faszinierende Altstadt links der Limmat. Es ist mittlerweile 19:00 Uhr geworden; Dämmerungszeit. Vom nahen Fraumünsterturm suggerierte die Abendglocke eine fast beschaulich anmutende Stimmung; für offene Ohren: „Lasst los und feiert!“

Am Limmatquai, gegenüber dem im Renaissance-Barock-Stil erbauten Zürcher Rathaus, erwartete uns das Geheimnis sechs: Ein zweiachsiger Tramwagen mit der Anschrift „Zürich-Oerlikon-Seebach“, Baujahr 1897, lud zu einer Nostalgiefahrt bis hinunter zum Trammuseum „Wartau“ (Höngg). Der völlig mit Holz beschlagene Innenausbau trug Schilder mit Aufschriften aus längst vergangenen Zeiten wie: „Kleingeld bereithalten“, „Ungeschützte Hutnadeln verboten“, „Nicht auf den Boden spucken“ und „Anziehen der Glocke verboten“. Das waren noch (ordentliche) Zeiten!

Geheimnis sieben lüftete Herr Leuthard vom Verein „Trammuseum Zürich“. Witzig, kompetent und sehr motiviert stellte er die restaurierten Tramveteranen vor. Technische und geschichtliche Daten sowie Episoden, erzählte er uns in anschaulicher Weise. Hier nur so viel davon; man schrieb das Jahr 1882: Erstes Rösslitram mit jeweils 2-stündigem Pferdeeinsatz und maximaler Belastung von 30 Passagieren. Die erste elektrische Strassenbahn konnte 1894 bestaunt werden. Wie klein damals die (noch nicht globalisierte) Welt war, erhellt die Tatsache, dass sich in der Folge mehrere Tramgesellschaften das Geschäft gegenseitig streitig zu machen versuchten...

Herr Kessler von der Elvia-Versicherung versorgte die Stammrunde mit einem Apéro und einer feinen Zwischenverpflegung. Nichts blieb mehr übrig davon.

Dank wem Dank gebührt! Dieser Aufgabe entledigte sich der Bärenführer, Gottfried Saugy, mit der ihm eigenen Emphase.

 

Im Namen aller Teilnehmenden dankt der Schreibende für den eindrücklichen und anregenden Überraschungsstamm; Danke Gottfried! Geheimnis acht: Entfällt hiermit, da mittlerweile alle Feldweibel wussten, wo das Stammlokal in Wollishofen positioniert ist! Gut so, denn das wusste selbst das Nostalgietram, Jg. 1897...

Josef Stocker, Altgardist